Nachlassinventar erstellen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für Deutschland

By Romain Chéné
Nachlassinventar erstellen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für Deutschland

Ein Nachlassinventar ist ein vollständiges Verzeichnis aller Vermögenswerte und Schulden einer verstorbenen Person. Es ist ein zentrales Dokument im deutschen Erbrecht – sowohl für die interne Abwicklung innerhalb der Erbengemeinschaft als auch für rechtliche und steuerliche Zwecke. Dieser Leitfaden erklärt, wie Sie ein korrektes Nachlassinventar erstellen.

Warum ist ein Nachlassinventar wichtig?

Das Nachlassinventar (auch Nachlassverzeichnis genannt) erfüllt mehrere wichtige Funktionen:

  • Haftungsbegrenzung für Erben: Erben haften grundsätzlich für die Schulden des Erblassers. Ein Inventar (§ 1993 ff. BGB) ermöglicht es Erben, ihre Haftung auf den Nachlass zu beschränken – sie müssen also nicht mit eigenem Vermögen für Schulden des Erblassers aufkommen.
  • Grundlage für die Erbschaftsteuer: Das Finanzamt benötigt eine Aufstellung aller Nachlassgegenstände zur Berechnung der Erbschaftsteuer (§ 12 ErbStG).
  • Basis für die Auseinandersetzung: Ein vollständiges Inventar ist die Voraussetzung für eine faire Aufteilung des Nachlasses unter den Miterben.
  • Nachweis gegenüber Nachlassgläubigern: Das Inventar zeigt, welche Mittel für die Begleichung von Schulden zur Verfügung stehen.

Rechtliche Grundlagen

Das Inventarrecht (§§ 1993–2013 BGB)

Das BGB sieht in §§ 1993 ff. vor, dass Erben auf Verlangen des Nachlassgerichts oder eines Nachlassgläubigers ein Inventar errichten müssen. Die Frist hierfür beträgt in der Regel 3 Monate ab Aufforderung.

Wer diese Frist versäumt, haftet unbeschränkt mit seinem gesamten Vermögen für Nachlassschulden (§ 1994 BGB) – ein gravierendes Risiko, das häufig unterschätzt wird.

Amtliches Inventar

Das Nachlassgericht (Amtsgericht) kann auf Antrag ein amtliches Inventar aufnehmen (§ 2002 BGB). Dabei erscheint ein Beamter vor Ort und nimmt alle Gegenstände auf. Diese Option empfiehlt sich bei unübersichtlichen Nachlässen oder bei Streit zwischen Miterben.

Das steuerliche Nachlassverzeichnis

Unabhängig vom erbrechtlichen Inventar muss für das Finanzamt eine Aufstellung des Nachlasses eingereicht werden. Hierfür gibt es standardisierte Formulare der Finanzämter.

Was gehört ins Nachlassinventar?

Ein vollständiges Nachlassinventar umfasst alle Aktiva und Passiva zum Todeszeitpunkt:

Aktiva (Vermögenswerte)

  • Immobilien: Grundstücke, Häuser, Wohnungen mit aktuellem Verkehrswert
  • Bankkonten und Geldanlagen: Konten, Sparbücher, Wertpapierdepots, Bausparverträge
  • Lebensversicherungen: Policen mit Rückkaufswert
  • Fahrzeuge: PKW, Motorräder, Boote mit aktuellem Wert
  • Unternehmensbeteiligungen
  • Schmuck und Kunstgegenstände
  • Hausrat und Möbel: Möbel, Elektrogeräte, Sammlungen, Musikinstrumente
  • Forderungen: Ausstehende Darlehen, Mietforderungen
  • Digitale Assets: Kryptowährungen, digitale Konten mit Guthaben

Passiva (Schulden und Verbindlichkeiten)

  • Hypotheken und Grundschulden
  • Bankkredite und Darlehen
  • Kreditkartenschulden
  • Ausstehende Rechnungen
  • Unterhaltsverbindlichkeiten
  • Beerdigungskosten (§ 1968 BGB)

Schritt-für-Schritt: So erstellen Sie ein Nachlassinventar

Schritt 1: Dokumente sichten

Beginnen Sie mit der Sichtung aller verfügbaren Dokumente:

  • Kontoauszüge der letzten 12 Monate
  • Steuererklärungen der vergangenen Jahre
  • Versicherungspolicen
  • Kreditverträge
  • Mietverträge
  • Gesellschaftsverträge

Schritt 2: Wohnräume systematisch erfassen

Gehen Sie Raum für Raum durch die Wohnung oder das Haus des Erblassers:

  • Fotografieren Sie alle Gegenstände
  • Notieren Sie Marke, Modell, ungefähres Alter
  • Schätzen Sie einen realistischen aktuellen Marktwert (nicht den Neupreis)
  • Markieren Sie Gegenstände, die erkennbar besonders wertvoll sind

Schritt 3: Werte ermitteln

Für die Erbschaftsteuer sind die gemeinen Werte zum Todeszeitpunkt maßgeblich (§ 9 BewG):

  • Für Hausrat und Möbel: Vergleichspreise auf Secondhand-Plattformen
  • Für Schmuck und Kunst: Gutachten eines Sachverständigen
  • Für Immobilien: Verkehrswertgutachten oder Vergleichswerttabellen der Gutachterausschüsse
  • Für Fahrzeuge: Schwacke-Liste oder DAT-Marktbeobachtung

Schritt 4: Schulden erfassen

Holen Sie Informationen zu allen bestehenden Verbindlichkeiten ein:

  • Fordern Sie bei allen Banken eine Saldoauskunft an
  • Prüfen Sie laufende Verträge auf Restlaufzeiten und Kosten
  • Klären Sie den Status von Hypotheken und Grundschulden

Schritt 5: Inventar zusammenstellen

Erstellen Sie eine übersichtliche Liste aller Aktiva und Passiva. Das Reinvermögen (Aktiva minus Passiva) bildet die Grundlage für die Erbschaftsteuer.

Erbschaftsteuer: Wichtige Freibeträge

Auf den Nachlasswert wird Erbschaftsteuer erhoben (ErbStG), sofern der Freibetrag überschritten wird:

VerwandtschaftsgradFreibetrag
Ehegatte / eingetragener Lebenspartner500.000 €
Kind (je Kind)400.000 €
Enkel200.000 €
Eltern / Großeltern (bei Erbfall)100.000 €
Alle anderen Personen20.000 €

Diese Freibeträge können alle 10 Jahre neu genutzt werden – auch bei Schenkungen zu Lebzeiten.

Racine: Das digitale Werkzeug für Ihr Nachlassinventar

Die App Racine vereinfacht die Erstellung eines Nachlassinventars für bewegliche Güter erheblich:

  • Foto-Inventar: Fotografieren Sie Gegenstände direkt in der App
  • Kategorisierung: Ordnen Sie Objekte nach Räumen und Kategorien
  • Wertangaben: Tragen Sie geschätzte Werte ein
  • Gemeinsamer Zugriff: Alle Miterben können das Inventar einsehen und ergänzen
  • Export: Das fertige Inventar lässt sich exportieren und als Grundlage für die Nachlassabwicklung nutzen

Fazit

Ein vollständiges und korrektes Nachlassinventar ist der erste und wichtigste Schritt einer geordneten Nachlassabwicklung in Deutschland. Es schützt Erben vor unbegrenzter Haftung, bildet die Grundlage für die Erbschaftsteuer und ermöglicht eine faire Aufteilung des Nachlasses. Digitale Werkzeuge wie Racine machen diesen Prozess deutlich effizienter und transparenter.

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